30 Jahre Elektroflug an der Universität Stuttgart

1. Juli 2026

Wie eine wegweisende Vision die Luftfahrt von morgen prägt

Wenn heute weltweit über nachhaltige Mobilität, emissionsfreie Luftfahrt und elektrische Antriebssysteme diskutiert wird, lohnt sich ein Blick nach Stuttgart. Denn an der Universität Stuttgart begann bereits vor über drei Jahrzehnten eine Forschungsreise, die ihrer Zeit weit voraus war: die Entwicklung elektrisch betriebener Flugzeuge für eine neue Ära der Luftfahrt.

Im Zentrum dieser außergewöhnlichen Geschichte steht ein Name, der mit der Entwicklung des Elektroflugs in Deutschland eng verbunden ist: Professor Rudolf Voit-Nitschmann. Unter seiner wissenschaftlichen Leitung entstand eine Reihe visionärer Flugzeugprojekte, die den internationalen Fortschritt auf dem Gebiet des elektrischen Fliegens entscheidend mitprägten.

Der Anfang dieser Entwicklung reicht zurück in die frühen 1990er Jahre. Damals begann am Institut für Flugzeugbau der Universität Stuttgart die Arbeit an einem ambitionierten Projekt mit dem Namen Icaré 2. Das Flugzeug war als solar-elektrischer Motorsegler konzipiert und sollte beweisen, dass bemannter Flug auch ohne fossile Energieträger möglich ist. Am 1. Juli 1996 absolvierte das Flugzeug erfolgreich seinen Erstflug und setzte damit weltweit ein Zeichen für emissionsfreie Luftfahrt.

Mit dem Icaré 2 bewiesen die Stuttgarter Ingenieure erstmals, dass elektrische Energie nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch als ernstzunehmende Alternative für die Luftfahrt genutzt werden kann. Was damals wie ein futuristisches Experiment wirkte, gilt heute als Grundstein moderner nachhaltiger Flugzeugentwicklung.

Icaré 2-Erstflug am 1. Juli 1996

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Doch die Forschung blieb nicht stehen. In den folgenden Jahren arbeitete das Team um Professor Voit-Nitschmann an neuen Konzepten zur Energiespeicherung und alternativen Antriebssystemen. Daraus entstand Mitte der 2000er Jahre das Projekt Hydrogenius – ein Flugzeugkonzept mit wasserstoffbasierter Brennstoffzellentechnologie. Dieses innovative Projekt gewann 2006 den renommierten Berblinger-Wettbewerb der Stadt Ulm und zeigte, welches Potenzial alternative Energieträger für die Luftfahrt besitzen.

Den internationalen Durchbruch erreichte die Universität Stuttgart schließlich mit einem Projekt, das bis heute als Meilenstein der elektrischen Luftfahrt gilt: e-Genius.

Der zweisitzige Elektroflieger wurde vollständig neu um den elektrischen Antrieb herum entwickelt – nicht als Umbau eines bestehenden Flugzeugs, sondern als konsequent auf Effizienz ausgelegte Neukonstruktion aus Faserverbundwerkstoff. Am 25. Mai 2011 hob der e-Genius erstmals erfolgreich ab.

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Icaré 2 (links) und e-Genius im Formationsflug 2013

Schon wenige Wochen später demonstrierte der e-Genius eindrucksvoll seine Leistungsfähigkeit: Bei einem Testflug legte es 341 Kilometer in zwei Stunden zurück, mit einem Energieeinsatz im Gegenwert von lediglich vier Litern Benzin. Damit zeigte der e-Genius erstmals, dass elektrische Flugzeuge nicht nur experimentelle Demonstratoren sein müssen, sondern reale Leistungsfähigkeit besitzen können.

Es folgten internationale Erfolge. Bei der von der NASA unterstützten Green Flight Challenge in Kalifornien gewann der e-Genius 2011 gleich mehrere Auszeichnungen – darunter einen Preis für besonders geräuscharmen und energieeffizienten Flug. Die Universität Stuttgart rückte damit endgültig in die Spitzengruppe weltweiter Forschungsstandorte für elektrische Luftfahrt auf.

Doch auch nach diesen Erfolgen endete die Entwicklung nicht. Der e-Genius wurde kontinuierlich weiterentwickelt, die Forschungsarbeiten wurden ab 2016 von Professor Andreas Strohmayer, dem Nachfolger von Professor Voit-Nitschmann, erfolgreich weitergeführt. In den folgenden Jahren wurden Rekordflüge über die Alpen durchgeführt und es entstanden Hybridversionen, sowohl mit kleinem externen Range-extender als auch als Voll-Hybrid mit einer internen Generator-Einheit sowie ein Umbau zur Forschungsplattform für automatisierte elektrische Flugsteuerung.

Im Jahr 2022 gelang mit einer Hybridversion des e-Genius ein Nonstop-Flug über mehr als 2000 Kilometer – Weltrekord! 2024 wurde das Flugzeug erfolgreich für elektrisch betriebenes Schleppen von Segelflugzeugen eingesetzt und dient auch heute weiterhin als fliegendes Forschungslabor für zukünftige elektrische Antriebskonzepte.

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e-Genius in neuester Konfiguration als elektrisches Schleppflugzeug 2024

Drei Jahrzehnte Elektroflugforschung an der Universität Stuttgart zeigen eindrucksvoll, wie visionäre Forschung langfristig technologische Realität schafft. Lange bevor Nachhaltigkeit zum globalen Leitmotiv wurde, arbeiteten Forscherinnen und Forscher in Stuttgart bereits an Lösungen für eine klimafreundliche Luftfahrt.

Professor Rudolf Voit-Nitschmann und sein Team haben damit weit mehr geschaffen als einzelne Flugzeuge. Sie haben bewiesen, dass Innovation in der Luftfahrt nicht zwangsläufig aus großen Industriekonzernen kommen muss, sondern auch aus universitärer Forschung entstehen kann – getragen von wissenschaftlicher Neugier, technischem Mut und einer klaren Vision für die Zukunft.

Heute, nach rund dreißig Jahren Entwicklung, gilt die Universität Stuttgart als einer der bedeutendsten europäischen Standorte für elektrisches Fliegen. Und vieles spricht dafür, dass die Technologien, die hier entwickelt wurden, künftig einen festen Platz in der Luftfahrt des 21. Jahrhunderts einnehmen werden.

Was einst mit einer visionären Idee begann, ist längst Teil einer globalen Bewegung geworden.

Die Zukunft des nachhaltigen Fliegens wurde in Stuttgart nachhaltig geprägt – und sie fliegt elektrisch!

Fachlicher Kontakt:

Prof. Andreas Strohmayer

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